Freitag, 7. Oktober 2022

Stipendium für Nicht(s)-Tun

HAUSGEMACHT UND KOSTENLOS: STIPENDIAT FÜR NICHT(S)TUN KOCHT FÜR ZWANZIG HAUSHALTE IN HEILBRONN

19. August 2022, 16:41 Uhr

BUCHUNG DES KOCHS UNTER: kochen@bund-der-folgenlosen.de 

(Buchung für die ersten zwanzig Haushalte, die sich melden)

Der Koch Jonas Kachel bietet sein Können als unentgeltliche Dienstleistung an: Von August bis Oktober 2022 wird er für zwanzig Heilbronner Haushalte kochen, unter Verwendung der Zutaten, die in den jeweiligen Küchen zu finden sind. Damit will er ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzen und den sozialen Aspekt des gemeinsamen Essens fördern. Kachel ist Gewinner des Stipendium für Nicht(s)tun, das im Rahmen des Kunst- und Stadtentwicklungsprojektes „Hauptstadt der Folgenlosigkeit“ an drei Heilbronner*innen für ihre Ideen freudvoller Unterlassung vergeben wurde.

„Wir alle haben Talente und Fähigkeiten. Einen kleinen Teil davon sollten wir anderen als Beitrag für die Gemeinschaft unentgeltlich zur Verfügung stellen“, sagt Jonas Kachel, der hofft, auch Kolleg*innen und andere Branchen für das Teilen von Expertise begeistern zu können. Er freut sich auf das Kochen, gemeinsame Essen und die Begegnungen in unbekannten Küchen in Heilbronn und lädt interessierte Haushalte ein, sich zur Terminvereinbarung direkt mit ihm in Verbindung zu setzen: kochen@bund-der-folgenlosen.de

Die Buchung ist zunächst nur begrenzt möglich. Die ersten zwanzig Haushalte, die sich melden, können einen Termin per Mail mit Jonas Kachel vereinbaren. Eine Warteliste wird eingerichtet.
„Vielleicht finde ich an den gemeinsamen Kochabenden noch weitere Anhänger:innen für meine Aktion“, meint Jonas Kachel und hat bereits angekündigt eine Fotografin und eine Therapeutin gefunden zu haben, die ebenfalls Teil seines „Folgenlosen Kollektivs“ werden. Über die Projektwebseite  (www.bund-der-folgenlosen.de ) kann man das Kollektiv dann kontaktieren, buchen und selbst ein Teil davon werden.

Das Stipendium für Nicht(s)tun wurde am 16. Juli 2022 an die Heilbronner*innen Angela Manetto, Larissa Sperrfechter und Jonas Kachel vergeben, die sich in einem demokratischen Auswahlverfahren gegen über 200 Mitbewerber*innen durchgesetzt hatten. Mit jeweils 5.000 Euro fördert das Stipendium drei Ideen für ein Leben, das keine negativen Folgen für andere hat. Angela Manetto stellt als Leiterin der Jugendherberge Heilbronn die Speisekarte um, verzichtet einmal wöchentlich auf Fleisch – und bietet 572 kostenlose, gesunde Mittagessen an. Larissa Sperrfechter wird drei Monate lang keine neuen Produkte kaufen und in dieser Zeit das Angebot ihres Vintage-Shops ausbauen. Jonas Kachel teilt sein Wissen als Koch mit privaten Haushalten, um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegen zu treten.

Da es ihn, wie er sagt, nichts koste, seine Fähigkeiten für andere einzusetzen, hatte Kachel sich nach der Entscheidung im Halbfinale dazu entschieden, sein Preisgeld an drei weitere Bewerber*innen des ‚Stipendium für Nicht(s)tun‘ zur Verfügung zu stellen, die in der letzten Finalrunde ausgeschieden sind. Über jeweils 1.666 Euro freuen dürfen sich Gerit Kopietz-Sommer, die nichts Brauchbares wegwerfen und eine neue Schenk-Kultur etablieren möchte, Marina Murmann, die ein Recycling-System für Zigarettenkippen plant, und Benedikt Supper und Bastian Eider, der mithilfe von VR-Technologie den Blick für Kinderarbeit bei der Rohstoffgewinnung schärfen will.

Einen Einblick in ihr folgenloses Handeln geben damit die sechs Stipendiat*innen für Nicht(s)tun an vier Abenden in den Quartierszentren der Stadt Heilbronn. In Gesprächen und Workshops teilen sie ihre Ideen und Erfahrungen mit den Menschen aus den jeweiligen Stadtbezirken.

Termine: QZ Böckingen: 20.09., 15 Uhr; QZ Bahnhofsvorstadt: 21.09., 17.30 Uhr; QZ Nordstadt-MGH: 29.09., 18.30 Uhr; QZ Heilbronn Süden: 30.09., 18 Uhr.

Zum Finale des Stipendiums für Nicht(s)tun kommen alle Bewerber*innen am Samstag, 15. Oktober 2022 um 20 Uhr wieder zusammen: Bei einem festlichen Akt im Mobilat Heilbronn im Rahmen der Langen Nacht der Kultur wird eine der drei Siegerideen zum Prototypen gewählt. Diesem sollen für die restliche Laufzeit der „Hauptstadt der Folgenlosigkeit“ alle folgen, die sich auf ein Stipendium für Nicht(s)tun beworben hatten.

© Philipp Wolpert

Stipendium für Nicht(s)-Tun

200 Heilbronner:innen erproben die Folgenlosigkeit

30. September 2022, 14:47 Uhr

Ist ein Leben ohne negative Folgen für andere Menschen, Lebewesen und die Umwelt  alltagstaugliche Chance oder utopisches Ideal? Über 200 Heilbronnerinnen wagen den Selbstversuch: Aus drei Ideen für folgenloses Handeln, die im Rahmen des Stipendium für Nicht(s)tun mit insgesamt 15.000 Euro gefördert wurden, wird am 15. Oktober 2022 in einem interaktiven Festakt eine zum Prototyp gewählt. Diesem folgen alle Stipendiums-Bewerberinnen für die restliche Laufzeit des Kultur- und Stadtentwicklungsprojektes „Hauptstadt der Folgenlosigkeit“, das bis Mai 2023 in einer einmaligen Kooperation mit über 20 Akteur*innen und Institutionen in Heilbronn der Frage nachgeht, wie wir zukünftig leben wollen. Zur Wahl stehen das kostenlose Teilen von Fertigkeiten und Ressourcen, Konsumverzicht und die Umstellung von Essgewohnheiten.

Die Wahl bildet den finalen Höhepunkt des Stipendium für Nicht(s)tun, das am 16. Juli 2022 an die Heilbronner*innen Angela Manetto, Larissa Sperrfechter und Jonas Kachel vergeben wurde. In einem mehrwöchigen basisdemokratischen Auswahlprozess haben sie sich gegen mehr als 200 Bewerber*innen durchgesetzt und nun für drei Monate ihre Ideen erprobt:

Angela Manetto hat als Leiterin der Jugendherberge Heilbronn die Speisekarte umgestellt, verzichtet einmal wöchentlich auf Fleisch – und bietet 572 kostenlose, gesunde Mittagessen an. Larissa Sperrfechter übte den Konsumverzicht, indem es sich die 31jährige Besitzerin eines Vintage-Shops zur Vorgabe machte, drei Monate lang nichts Neues zu kaufen. Jonas Kachel teilte sein Wissen als Koch mit privaten Haushalten: Er kochte in über 20 unbekannten Küchen mit den dort vorhandenen Zutaten, um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegen zu treten. Da es ihn darüber hinaus, wie er sagt, nichts koste, seine Fähigkeiten für andere einzusetzen, hat Kachel sein Preisgeld an die Bewerber*innen um ein Stipendium für Nicht(s)tun weitergegeben, die im Halbfinale ausgeschieden sind und am 15. Oktober 2022 nun ebenfalls ihre Ideen und Erfahrungen vorstellen werden.

Der Festakt mit den Stipendiat*innen des Stipendium für Nicht(s)tun, den Vertreter*innen des Bundes der Folgenlosen, der Theatergruppe der Wohnungslosenhilfe Heilbronn und dem Stadtschreiber Alexander Estis beginnt am Samstag, 15. Oktober 2022 um 20 Uhr im Mobilat Heilbronn. Er bildet den Höhepunkt der „Langen Nacht der Kultur“ und geht ab 22 Uhr in deren Abschlussparty über (mit den Künstler*innen Kev Koko, horsegiirL, Alcatraz des Berliner Musiklabels „Live from Earth“, dem Sexy Club-Music-Duo Bang and Cherry u.a.)


STADTSCHREIBER ALEXANDER ESTIS PRÄSENTIERT „FLUCHTEN“ 


Bereits am Dienstag, 11. Oktober 2022, um 19 Uhr liest Stadtschreiber Alexander Estis im Literaturhaus Heilbronn aus seinem frisch erschienenen Prosaband Fluchten. In seinen „prosaischen Miniaturen“ widmet sich Estis den Fluchten, die uns (miss-)glücken, ob vor Krieg oder Umweltkatastrophen, aus sklavischen Arbeitsverhältnissen oder belastenden Beziehungen. Identitäten, Familiengefüge oder der eigene Körper werden verlassen – und dabei nicht selten das Verschwinden, die Auflösung als konsequenteste Form der Folgenlosigkeit skizziert. (Kurzprosa, mit Grafiken von Nikolai Estis, 135 Seiten, hrsg. von Josef Kirchner/Sarah Oswald, edition mosaik 2022)

Estis wurde im April 2022 von einer sechsköpfigen Jury zum Stadtschreiber der „Hauptstadt der Folgenlosigkeit“ in Heilbronn ernannt. Der Autor und Essayist wurde 1986 in eine jüdische Künstlerfamilie in Moskau geboren, 1996 siedelte er nach Hamburg über. Nach Abschluss eines Philologiestudiums arbeitete er als Dozent für deutsche Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt Estis als freier Autor in Aarau (Schweiz). Seine Essays, Glossen und Kolumnen erscheinen regelmäßig in überregionalen Medien, „Fluchten“ ist sein sechstes Buch.

Literatur zur Folgenlosigkeit

Takt

30. September 2022, 14:53 Uhr

Die Hauptstadt der Folgenlosigkeit Heilbronn hat als Stadtschreiber den Autor Alexander Estis einberufen, der sich in seinen Texten mit Phänomenen des Nichtstuns, Unterlassens, Verweigerns, Aufhörens, Weglaufens – und natürlich mit der Vermeidung oder Beseitigung von Folgen befasst.

Ich bin ein Experte geworden, obwohl ich bloß Ruhe wollte. Wollte arbeiten: Aber da kamen sie. Und so wurde ich ein Experte für den Rhythmus der Tastaturen. Sie kamen, die Kreativen, während ich den schlanken Henkel der Teekanne in seiner biegsamen Flexur bewunderte und einen Gedanken zu fassen versuchte. Dieser, hören Sie, am Nachbartisch, hat einen schwachen Anschlag, nicht nur weil er ebene Knöpfe gewohnt ist, sondern auch weil er verschämt tagebuchartige Lyrik Zeile für Zeile notiert und Zeile für Zeile entfernt. Dieser ist noch recht harmlos. Von den langsameren Manipulatoren sind jene schlimmer, die vorgeben, sich zu bescheiden mit vier, mit drei Fingern, in Wahrheit darin sich ergehen, jeden Schlag nachhallen zu lassen mit voller Pathetik des Ausklangs. Vorgeben, sich zu bescheiden mit kürzesten Worten, mit Twitternachrichten; so teilen sie und bescheiden sich am Tage fast tausendmal. Dagegen steht das rastlose Presto des postenden Webkolumnisten; oder der demonstrativ lässige virtuose Zehnfingerblogger: mein Vorhaben hat er bereits rezensiert, bevor ich den Stift, mich müßig verlierend, nur angesetzt habe. Doch ihn übertrifft bei weitem der Meister, in Kapuzenanzug, mit Capuccino, mit Macchiato am Macbook, ein Priester der Tasten – mit seinen just um das nötige Maß längeren Nägeln gelingt ihm ein raumbeherrschendes, gravitätisch scharfes Taktieren, welches zu fragen scheint: Und du, wieviel Gigabyte Roman hast du?

Termine

Lesung mit Alexander Estis: Fluchten

Dienstag, 11.10.2022 — 19:00

Literaturhaus/ Trappenseeschlösschen, Heilbronn — Tickets

Autor:innen-Lesungen im Literaturhaus

Niemand, der nicht schon einmal die Flucht ergreifen wollte – ob vor dem Krieg, vor einer Umweltkatastrophe oder vor einer Hungersnot, ob aus einer langweiligen Gesellschaft, einem sklavischen Arbeitsverhältnis oder einer belastenden Beziehung. Alexander Estis' »Fluchten« erzählen von gewollten oder ungewollten, realistischen oder absurden, erfolgreichen oder missglückten Fluchtversuchen.

Estis wurde 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau geboren; 1996 siedelte er nach Hamburg über. Nach Abschluss eines Philologiestudiums arbeitete er als Dozent für deutsche Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt er als freier Autor in Aarau (Schweiz). Er verfasst Essays, Glossen und Kolumnen unter anderem für FAZ, NZZ, SZ, ZEIT. Seine Radiobeiträge sind regelmäßig auf Deutschlandfunk Kultur zu hören.

Für seine Texte erhielt Alexander Estis mehrfach Auszeichnungen und Stipendien; derzeit ist er Stadtschreiber von Heilbronn im Rahmen des Projektes »Heilbronn – Hauptstadt der Folgenlosigkeit«.
Ende September 2022 erscheint als sein sechstes Buch der Prosaband »Fluchten«, aus dem der Autor am 11. Oktober im Literaturhaus Heilbronn lesen wird.

Stipendium für Nicht(s)-Tun: Wahl der Prototyp-Idee der Hauptstadt der Folgenlosigkeit

Samstag, 15.10.2022 — 20:00

Mobilat Heilbronn (Salzstraße 27, 74076 Heilbronn) — Anmeldung (Eintritt frei)

Höhepunkt der »Langen Nacht der Kultur« – Show und Party

Discaland (Rave)

Samstag, 15.10.2022 — 22:00

Mobilat Heilbronn (Salzstraße 27, 74076 Heilbronn)

Im Anschluss an die Wahl der Prototyp-Idee unter den Stipendiaten für Nicht(s)-Tun laden wir zur offiziellen After-Show-Party der »Langen Nacht der Kultur«. Natürlich auch für alle anderen Nachtschwärmer:innen.